Augengymnastik

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Bluthochdruck und Augen: Wie Hypertonie das Sehen gefährdet

Bluthochdruck bleibt lange unbemerkt, hinterlässt aber Spuren an der Netzhaut. Wie hypertensive Retinopathie, Gefäßverschlüsse und NAION entstehen und was Sie zum Schutz Ihrer Augen tun können.

7 Min. Lesezeit Redaktion

Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) wird oft als stiller Killer bezeichnet, weil er jahrelang keine Beschwerden macht und dennoch Herz, Gehirn und Nieren schädigt. Weniger bekannt ist, dass auch die Augen zu den Organen gehören, die unter dauerhaft erhöhtem Druck leiden. In Deutschland hat etwa jeder dritte Erwachsene einen zu hohen Blutdruck, und viele wissen nichts davon.

Das Auge nimmt dabei eine besondere Rolle ein: Es ist die einzige Stelle des Körpers, an der Ärztinnen und Ärzte Blutgefäße direkt und ohne Eingriff betrachten können. Bei einer Spiegelung des Augenhintergrunds lassen sich Veränderungen erkennen, die etwas über den Zustand der Gefäße im ganzen Körper verraten. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Bluthochdruck die Netzhaut verändert, welche akuten Gefäßnotfälle am Auge drohen, was hinter dem Begriff NAION steckt und wie Sie Ihr Sehen durch eine gute Blutdruckeinstellung schützen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Dauerhaft hoher Blutdruck verengt und verhärtet die Netzhautgefäße. Diese Veränderungen heißen hypertensive Retinopathie.
  • Bluthochdruck ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Venen- und Arterienverschlüsse der Netzhaut.
  • Er erhöht auch das Risiko für einen Sehnervinfarkt (NAION), der zu plötzlichem, schmerzlosem Sehverlust führt.
  • Ein plötzlicher Sehverlust auf einem Auge ist immer ein Notfall und kann ein Warnzeichen für einen Schlaganfall sein.
  • Gute Blutdruckkontrolle, Bewegung, Nichtrauchen und regelmäßige Untersuchungen schützen Augen und Gefäße.

Warum Bluthochdruck die Augen betrifft

Die Netzhaut (Retina) wird über ein feines Netz kleiner Arterien und Venen versorgt. Die zentrale Netzhautarterie tritt mit dem Sehnerv ins Auge ein und verzweigt sich dort in immer kleinere Äste. Die Venen verlaufen meist parallel dazu und kreuzen die Arterien an vielen Stellen.

Steht das Gefäßsystem dauerhaft unter zu hohem Druck, reagieren die kleinen Arterien zunächst mit einer Verengung, um das empfindliche Gewebe zu schützen. Langfristig verdicken und verhärten sich ihre Wände (Arteriosklerose). An den Kreuzungsstellen drücken die verhärteten Arterien auf die darunterliegenden Venen, weil beide eine gemeinsame Gefäßhülle haben. Diese Mechanismen erklären, warum Bluthochdruck sowohl schleichende Veränderungen als auch plötzliche Verschlüsse verursachen kann.

Hypertensive Retinopathie: Spuren an der Netzhaut

Unter hypertensiver Retinopathie versteht man die Gesamtheit der Veränderungen, die Bluthochdruck an der Netzhaut hinterlässt. Sie verursacht in frühen Stadien keine Beschwerden und wird meist zufällig bei einer Untersuchung des Augenhintergrunds entdeckt.

AusprägungTypische BefundeBedeutung
Leichtverengte Arterien, verstärkter Gefäßreflex, Kreuzungszeichen an Arterien und VenenHinweis auf länger bestehenden Bluthochdruck; meist keine Sehstörung
MittelgradigNetzhautblutungen, Cotton-Wool-Herde (kleine Durchblutungsstörungen), harte Exsudateerhöhtes Risiko für Schlaganfall und Herz-Kreislauf-Ereignisse
Schwer (maligne)zusätzlich Schwellung des Sehnervenkopfes (Papillenödem)Notfall, meist bei hypertensiver Krise; sofortige Behandlung nötig

Studien haben gezeigt, dass Menschen mit deutlichen Netzhautveränderungen durch Bluthochdruck ein höheres Risiko für Schlaganfall, Herzerkrankungen und Nierenschäden haben. Die Netzhaut ist damit eine Art Fenster zum Gefäßzustand des gesamten Körpers. Wird bei einer Augenuntersuchung eine hypertensive Retinopathie festgestellt, sollte daher immer auch eine hausärztliche oder internistische Abklärung folgen.

Die gute Nachricht: Frühe Veränderungen wie Blutungen und Cotton-Wool-Herde können sich zurückbilden, wenn der Blutdruck gut eingestellt wird. Verhärtete Gefäßwände bleiben dagegen meist bestehen.

Die hypertensive Krise

Steigt der Blutdruck plötzlich auf sehr hohe Werte, spricht man von einer hypertensiven Krise. Geht sie mit Organschäden einher, etwa am Gehirn, Herz, den Nieren oder dem Auge, handelt es sich um einen hypertensiven Notfall. Am Auge kann es dann zu Verschwommensehen, Netzhautschwellungen und einer Schwellung des Sehnervenkopfes kommen. Typische Begleitbeschwerden sind starke Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Brustschmerzen oder Atemnot. In dieser Situation muss sofort der Notruf gewählt werden. Der Blutdruck wird dann ärztlich kontrolliert und schrittweise gesenkt, nicht abrupt, um Gehirn und Sehnerv nicht durch Minderdurchblutung zu gefährden.

Netzhautvenenverschluss

Der Verschluss einer Netzhautvene gehört zu den häufigsten Gefäßerkrankungen des Auges und tritt überwiegend bei älteren Menschen auf. Bluthochdruck ist dabei der wichtigste Risikofaktor. Wie oben beschrieben, kann eine verhärtete Arterie an einer Kreuzungsstelle die Vene einengen, sodass das Blut verwirbelt und sich ein Gerinnsel bildet.

  • Venenastverschluss: Nur ein Teil der Netzhaut ist betroffen. Je nachdem, ob die Makula beteiligt ist, reichen die Beschwerden von unbemerkten Ausfällen bis zu deutlich verschwommenem Sehen.
  • Zentralvenenverschluss: Die Hauptvene ist verschlossen. Das Sehen auf dem betroffenen Auge verschlechtert sich meist schmerzlos innerhalb von Stunden bis Tagen.

Die häufigste Ursache für Sehverlust nach einem Venenverschluss ist ein Makulaödem, also eine Flüssigkeitsansammlung in der Stelle des schärfsten Sehens. Es wird heute meist mit Medikamenten behandelt, die in regelmäßigen Abständen in das Auge gespritzt werden (Anti-VEGF-Medikamente oder Kortisonpräparate). Bei manchen Verläufen bilden sich krankhafte neue Gefäße, die mit einem Laser behandelt werden. Nicht nur das Auge, sondern auch die Ursachen müssen untersucht werden: Blutdruck, Blutzucker, Blutfette und gegebenenfalls Gerinnungsstörungen. Zudem kann ein Venenverschluss mit einem erhöhten Augeninnendruck zusammenhängen, weshalb auch ein Glaukom ausgeschlossen werden sollte.

Netzhautarterienverschluss: ein Augeninfarkt

Ein Verschluss der zentralen Netzhautarterie oder eines ihrer Äste ist im Prinzip ein Schlaganfall des Auges. Meist wird die Arterie durch ein kleines Gerinnsel oder eine abgelöste Ablagerung (Embolus) verstopft, das häufig aus einer verkalkten Halsschlagader oder aus dem Herzen stammt. Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, erhöhte Blutfette und Vorhofflimmern sind die wichtigsten Risikofaktoren.

Typisch ist ein plötzlicher, schmerzloser und oft sehr ausgeprägter Sehverlust auf einem Auge, manchmal innerhalb von Sekunden. Bei einem Astverschluss fällt nur ein Teil des Gesichtsfelds aus. Manchmal kündigt sich ein Verschluss durch eine kurze, vorübergehende Erblindung an, die nach Minuten wieder verschwindet (Amaurosis fugax). Auch dieses Warnsignal muss sofort abgeklärt werden.

Ein plötzlicher Sehverlust auf einem Auge, auch wenn er sich nach kurzer Zeit wieder zurückbildet, ist ein medizinischer Notfall. Er kann Vorbote eines Schlaganfalls sein. Wählen Sie den Notruf 112 oder lassen Sie sich sofort in eine Klinik mit Stroke Unit oder Augenklinik bringen. Jede Minute zählt.

Die Netzhaut übersteht eine Unterbrechung der Durchblutung nur kurze Zeit. Eine wirksame Behandlung, die das verlorene Sehen zuverlässig zurückbringt, gibt es bisher leider nicht. Umso wichtiger ist die schnelle Abklärung in einer Klinik, denn das Hauptziel ist, einen nachfolgenden Schlaganfall im Gehirn zu verhindern. Dazu gehören Untersuchungen der Halsschlagadern, des Herzens und der Blutwerte. Bei älteren Menschen muss außerdem eine Riesenzellarteriitis ausgeschlossen werden, eine Gefäßentzündung, die rasch behandelt werden muss, um das zweite Auge zu schützen.

NAION: der Infarkt des Sehnervs

Hinter der Abkürzung NAION verbirgt sich die nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie. Dabei wird der vordere Teil des Sehnervs, der Sehnervenkopf, plötzlich nicht mehr ausreichend durchblutet. Sie ist bei Menschen über 50 eine der häufigsten Ursachen für eine akute Schädigung des Sehnervs.

Typisch ist ein schmerzloser Sehverlust auf einem Auge, der häufig beim Aufwachen bemerkt wird. Oft fehlt die obere oder untere Hälfte des Gesichtsfelds. Als Risikofaktoren gelten Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Blutfette, Schlafapnoe und ein angeborener kleiner, enger Sehnervenkopf. Diskutiert wird auch ein Zusammenhang mit nächtlichem Blutdruckabfall, etwa wenn blutdrucksenkende Medikamente abends eingenommen werden. Ob das eine echte Ursache ist, ist allerdings nicht abschließend geklärt. Ändern Sie die Einnahmezeit Ihrer Medikamente deshalb nie eigenständig, sondern besprechen Sie das mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Eine nachweislich wirksame Therapie für die NAION gibt es bisher nicht. Ein Teil der Betroffenen erholt sich teilweise, bei vielen bleibt ein Gesichtsfeldausfall zurück. Wichtig ist, eine arteriitische Form durch Riesenzellarteriitis auszuschließen, Risikofaktoren konsequent zu behandeln und eine Schlafapnoe abklären zu lassen, um das Risiko für das zweite Auge zu senken. Mehr zu Erkrankungen des Sehnervs lesen Sie in unserem Ratgeber zur Sehnerventzündung, die eine wichtige Differenzialdiagnose ist.

Bluthochdruck, Diabetes und weitere Augenerkrankungen

Bluthochdruck tritt selten allein auf. Besonders ungünstig ist die Kombination mit Diabetes: Hoher Blutdruck beschleunigt das Fortschreiten der diabetischen Retinopathie, und eine gute Blutdruckeinstellung senkt dieses Risiko nachweislich. Auch bei der altersbedingten Makuladegeneration und beim Glaukom werden Zusammenhänge mit Gefäßfaktoren diskutiert. Beim Glaukom ist dabei interessant, dass nicht nur zu hoher, sondern auch zu niedriger Blutdruck, etwa durch eine sehr starke nächtliche Senkung, für die Durchblutung des Sehnervs ungünstig sein kann. Ein gut eingestellter, stabiler Blutdruck ist daher das Ziel.

Blutdruck kontrollieren und die Augen schützen

Die wichtigste Maßnahme zum Schutz der Augen ist die gleiche wie für Herz und Gehirn: den Blutdruck kennen und dauerhaft im Zielbereich halten. Als Bluthochdruck gelten nach den europäischen Leitlinien Praxiswerte ab 140/90 mmHg. Welcher Zielwert für Sie persönlich gilt, hängt von Alter und Begleiterkrankungen ab und wird ärztlich festgelegt.

  1. Regelmäßig messen: Lassen Sie Ihren Blutdruck spätestens ab dem mittleren Lebensalter regelmäßig kontrollieren. Messungen zu Hause mit einem geprüften Oberarmgerät ergänzen die Werte aus der Praxis.
  2. Lebensstil anpassen: Weniger Salz, wenig Alkohol, ein gesundes Körpergewicht und eine Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkorn senken den Blutdruck messbar.
  3. Bewegen: Regelmäßiges Ausdauertraining senkt den Blutdruck oft deutlich. Wie Bewegung den Augen zusätzlich hilft, lesen Sie in Bewegung und Augengesundheit.
  4. Nicht rauchen: Rauchen schädigt die Gefäßwände und erhöht das Risiko für Gefäßverschlüsse im Auge erheblich.
  5. Medikamente zuverlässig einnehmen: Häufig verordnet werden zum Beispiel ACE-Hemmer, Sartane, Kalziumantagonisten oder Diuretika. Welches Medikament in welcher Dosis passt, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt. Setzen Sie Medikamente nie eigenmächtig ab.
  6. Schlaf beachten: Lautes Schnarchen mit Atemaussetzern kann auf eine Schlafapnoe hinweisen, die Bluthochdruck und NAION begünstigt. Mehr dazu in unserem Ratgeber Schlaf und Augengesundheit.

Fragen Sie bei Ihrer nächsten Augenuntersuchung ruhig nach, ob am Augenhintergrund Gefäßveränderungen zu sehen sind. Umgekehrt ist es sinnvoll, der Augenarztpraxis mitzuteilen, dass Sie Bluthochdruck haben und welche Medikamente Sie einnehmen. Wie oft Kontrollen sinnvoll sind, erfahren Sie in Wie oft sollte man zur Augenuntersuchung?

Wann Sie ärztliche Hilfe brauchen

Bluthochdruck selbst verursacht meist keine Augenbeschwerden. Gerade deshalb sind regelmäßige Messungen und Kontrollen so wichtig. Wenn Sie wissen, dass Ihr Blutdruck erhöht ist, sollten Sie Ihre Augen in regelmäßigen Abständen untersuchen lassen, besonders bei zusätzlichem Diabetes.

Sofort den Notruf 112 wählen oder eine Klinik aufsuchen bei: plötzlichem Sehverlust oder Gesichtsfeldausfall auf einem Auge, auch wenn er nur Minuten dauert; plötzlichen Doppelbildern; Sehstörungen zusammen mit Lähmungen, Taubheitsgefühl, Sprach- oder Gleichgewichtsstörungen; sehr hohem Blutdruck mit starken Kopfschmerzen, Brustschmerzen, Atemnot oder Verwirrtheit. Bei älteren Menschen mit Sehverlust und Schläfenkopfschmerz, Kauschmerzen oder Abgeschlagenheit muss umgehend eine Riesenzellarteriitis ausgeschlossen werden.

Häufig gestellte Fragen

Kann Bluthochdruck das Sehen verschlechtern?

Ja. Dauerhaft hoher Blutdruck schädigt die Gefäße der Netzhaut und erhöht das Risiko für Gefäßverschlüsse und Sehnervinfarkte. Frühe Veränderungen verursachen meist keine Beschwerden, plötzliche Verschlüsse dagegen können zu deutlichem Sehverlust führen.

Was ist hypertensive Retinopathie?

So nennt man Veränderungen der Netzhaut durch Bluthochdruck, etwa verengte Arterien, Kreuzungszeichen, Blutungen oder kleine Durchblutungsstörungen. Sie wird meist bei einer Spiegelung des Augenhintergrunds entdeckt und ist ein Hinweis auf ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko.

Kann der Augenarzt Bluthochdruck erkennen?

Bei einer Untersuchung des Augenhintergrunds können Gefäßveränderungen sichtbar werden, die auf einen länger bestehenden Bluthochdruck hindeuten. Die Diagnose selbst wird aber durch Blutdruckmessungen gestellt, meist in der hausärztlichen Praxis.

Bilden sich Netzhautschäden durch Bluthochdruck zurück?

Blutungen und kleine Durchblutungsstörungen können sich zurückbilden, wenn der Blutdruck gut eingestellt wird. Verhärtete Gefäßwände und Folgen eines Gefäßverschlusses bleiben dagegen häufig bestehen.

Was ist eine NAION?

Die nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie ist eine Durchblutungsstörung des Sehnervenkopfes. Sie verursacht plötzlichen, schmerzlosen Sehverlust auf einem Auge, oft beim Aufwachen. Bluthochdruck, Diabetes und Schlafapnoe sind wichtige Risikofaktoren.

Ist ein plötzlicher Sehverlust ein Notfall?

Ja, immer. Ein plötzlicher Sehverlust auf einem Auge, auch wenn er nur wenige Minuten anhält, kann ein Vorbote eines Schlaganfalls sein. Wählen Sie sofort den Notruf 112 oder suchen Sie eine Klinik auf.

Quellen
  • American Academy of Ophthalmology – Hypertensive Retinopathy (EyeWiki and patient information)
  • American Academy of Ophthalmology – Preferred Practice Pattern: Retinal Vein Occlusions
  • American Academy of Ophthalmology – Preferred Practice Pattern: Retinal and Ophthalmic Artery Occlusions
  • European Society of Cardiology / European Society of Hypertension – Guidelines for the management of arterial hypertension
  • Wong TY, Mitchell P – Hypertensive retinopathy, New England Journal of Medicine (2004)
  • National Eye Institute – Retinal vein occlusion and ischemic optic neuropathy information

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