Augengymnastik

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Augenmythen im Faktencheck: 22 Irrtümer und was wirklich stimmt

Karotten, Bildschirme, Brillen, Augentraining und schielende Grimassen: Wir prüfen 22 verbreitete Augenmythen und erklären, was die Forschung dazu wirklich sagt.

Aktualisiert: 10. Oktober 2026 7 Min. Lesezeit Redaktion

Kaum ein Organ ist von so vielen Halbwahrheiten umgeben wie das Auge. Großeltern warnen vor dem Lesen unter der Bettdecke, Werbung verspricht Brillenfreiheit durch Augentraining, und im Internet kursieren Tipps, die von harmlos bis gefährlich reichen. Manche Mythen enthalten einen wahren Kern, andere sind schlicht falsch – und einige führen dazu, dass Menschen notwendige Untersuchungen oder Behandlungen aufschieben.

Wir haben 22 verbreitete Annahmen gesammelt und mit dem aktuellen Wissensstand abgeglichen, wie ihn Fachgesellschaften wie die American Academy of Ophthalmology, das National Eye Institute, der britische NHS und die Weltgesundheitsorganisation vertreten. Wo die Forschung eindeutig ist, sagen wir das klar; wo sie noch offen ist, ebenso.

Das Wichtigste in Kürze

  • Brillen und Kontaktlinsen schwächen die Augen nicht; sie bündeln das Licht nur richtig.
  • Bildschirme verursachen vorübergehende Beschwerden wie trockene und müde Augen, aber nach heutigem Wissen keine Erblindung.
  • Augenübungen heilen weder Kurzsichtigkeit noch Alterssichtigkeit, grauen oder grünen Star; sie können aber Entspannung und bestimmte Störungen des beidäugigen Sehens unterstützen.
  • Karotten sind gesund, verbessern aber bei ausreichender Versorgung die Sehschärfe nicht.
  • Viele gefährliche Augenkrankheiten verursachen anfangs keine Beschwerden – regelmäßige Kontrollen sind deshalb wichtiger als jeder Hausmitteltipp.

Ernährung und Augen

Mythos 1: Karotten machen scharfe Augen

Fakt: Karotten enthalten Beta-Carotin, das der Körper in Vitamin A umwandelt. Vitamin A ist unverzichtbar für das Sehen in der Dämmerung, und ein echter Mangel führt zu Nachtblindheit und schweren Hornhautschäden – ein Problem, das laut WHO vor allem in ärmeren Ländern verbreitet ist. Wer aber ausreichend versorgt ist, wie die meisten Menschen in Mitteleuropa, sieht durch zusätzliche Karotten nicht schärfer. Eine Fehlsichtigkeit lässt sich mit Ernährung nicht korrigieren. Der Mythos wurde übrigens im Zweiten Weltkrieg von der britischen Propaganda gefördert, um den Einsatz des Radars bei nächtlichen Luftkämpfen zu verschleiern. Mehr dazu im Artikel Vitamin A und Nachtsehen.

Mythos 2: Nahrungsergänzungsmittel schützen jeden vor Augenkrankheiten

Fakt: Die großen AREDS- und AREDS2-Studien des National Eye Institute zeigten, dass eine bestimmte Kombination aus Vitaminen, Zink, Lutein und Zeaxanthin das Fortschreiten einer bereits mittelschweren oder einseitig fortgeschrittenen Makuladegeneration verlangsamen kann. Für gesunde Menschen ohne diese Diagnose ist ein vorbeugender Nutzen nicht belegt. Eine ausgewogene Ernährung mit viel grünem Blattgemüse, Obst und Fisch ist sinnvoller als Kapseln auf Verdacht; siehe unseren Ratgeber Ernährung für gesunde Augen.

Bildschirme, Licht und Lesegewohnheiten

Mythos 3: Bildschirme machen blind

Fakt: Langes Arbeiten am Bildschirm kann müde, brennende und trockene Augen, Kopfschmerzen und verschwommenes Sehen verursachen, das sogenannte digitale Augenbelastungssyndrom. Diese Beschwerden sind unangenehm, aber vorübergehend. Hauptursachen sind seltenes Blinzeln, starre Naheinstellung und ungünstige Arbeitsplatzgestaltung. Dass Bildschirme dauerhafte Schäden oder Erblindung verursachen, ist nicht belegt. Bei Kindern wird allerdings diskutiert, dass viel Naharbeit zusammen mit wenig Tageslicht zur Entwicklung von Kurzsichtigkeit beitragen kann.

Mythos 4: Blaues Licht vom Handy zerstört die Netzhaut

Fakt: Die Menge an blauem Licht, die von Bildschirmen ausgeht, ist im Vergleich zum Sonnenlicht sehr gering. Fachgesellschaften wie die American Academy of Ophthalmology sehen keinen Beleg dafür, dass Bildschirmlicht die Netzhaut schädigt, und empfehlen Blaulichtfilterbrillen nicht zum Augenschutz. Ein Cochrane-Review fand keinen klaren Nutzen solcher Gläser gegen Augenbelastung. Abends kann blaues Licht allerdings den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflussen. Details finden Sie unter Blaues Licht: Fakten statt Marketing.

Mythos 5: Lesen bei schlechtem Licht ruiniert die Augen

Fakt: Lesen im Dämmerlicht ist anstrengend, kann zu müden Augen und Kopfschmerzen führen und macht weniger Spaß. Ein bleibender Schaden entsteht dadurch nach heutigem Wissen nicht. Gutes Licht ist trotzdem angenehmer, besonders mit zunehmendem Alter, weil die Pupille kleiner wird und mehr Licht benötigt wird.

Mythos 6: Zu nah vor dem Fernseher sitzen schadet den Augen

Fakt: Kinder können sich auf kurze Distanz besser einstellen als Erwachsene und sitzen daher oft nah am Bildschirm, ohne Schaden zu nehmen. Setzt sich ein Kind jedoch auffällig nah heran, kann das ein Hinweis auf eine Kurzsichtigkeit sein – dann lohnt sich eine Untersuchung.

Mythos 7: Dunkelmodus schützt die Augen

Fakt: Ein dunkles Design kann in dunkler Umgebung angenehmer sein und blendet weniger. Einen nachgewiesenen Schutz vor Augenkrankheiten bietet er nicht, und bei manchen Menschen, etwa mit Hornhautverkrümmung, ist helle Schrift auf dunklem Grund sogar schwerer lesbar. Entscheidend sind Pausen, Blinzeln und eine gute Bildschirmeinstellung.

Brillen und Kontaktlinsen

Mythos 8: Eine Brille macht die Augen schwächer

Fakt: Eine Brille verändert das Auge nicht, sie lenkt nur das Licht so, dass es scharf auf der Netzhaut ankommt. Viele Menschen haben das Gefühl, nach dem Absetzen schlechter zu sehen als vorher. Das liegt am Kontrast: Man hat sich an scharfes Sehen gewöhnt. Dass die Werte bei Kindern und jungen Erwachsenen trotz Brille weiter steigen, liegt am natürlichen Wachstum des Auges, nicht an der Brille. Bei Kindern kann das Nichttragen einer notwendigen Brille sogar zu Schwachsichtigkeit führen.

Mythos 9: Eine leicht unterkorrigierte Brille bremst Kurzsichtigkeit

Fakt: Lange glaubte man, eine etwas zu schwache Brille verhindere das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit. Studien haben das nicht bestätigt; einige deuteten sogar auf eine schnellere Zunahme hin. Heute empfehlen Fachleute eine volle Korrektur. Wirksame Methoden zur Verlangsamung sind beispielsweise niedrig dosierte Atropin-Augentropfen, spezielle Brillengläser oder Kontaktlinsen und mehr Zeit im Freien – über die Behandlung entscheidet der Augenarzt.

Mythos 10: Man kann mit Kontaktlinsen bedenkenlos schlafen und schwimmen

Fakt: Das Schlafen mit Kontaktlinsen, die dafür nicht zugelassen sind, erhöht das Risiko schwerer Hornhautinfektionen deutlich. Beim Schwimmen oder Duschen mit Linsen können Erreger wie Akanthamöben eingeschleppt werden, die sehr schwer behandelbare Infektionen verursachen. Mehr dazu im Artikel Hygienefehler bei Kontaktlinsen.

Mythos 11: Die Brille eines anderen zu tragen schadet

Fakt: Eine fremde Brille, etwa eine geliehene Lesebrille, kann vorübergehend Kopfschmerzen oder ein unscharfes Bild verursachen, schädigt das Auge aber nicht dauerhaft. Für Kinder und für das Autofahren sollte jedoch immer die eigene, passende Brille verwendet werden.

Augentraining und Heilversprechen

Mythos 12: Augenübungen heilen Kurzsichtigkeit

Fakt: Kurzsichtigkeit entsteht meist dadurch, dass der Augapfel zu lang ist. Diese Länge lässt sich durch Muskeltraining nicht verändern. Methoden wie das Bates-Training versprechen seit über hundert Jahren, Brillen überflüssig zu machen, wissenschaftliche Belege dafür fehlen. Augenübungen können Entspannung fördern, das Wohlbefinden bei Bildschirmarbeit verbessern und bei bestimmten Problemen wie einer Konvergenzschwäche unter fachlicher Anleitung helfen. Einen ehrlichen Überblick gibt der Artikel Was die Wissenschaft über Augenübungen sagt.

Mythos 13: Mit Training braucht man keine Lesebrille

Fakt: Die Alterssichtigkeit entsteht, weil die Augenlinse mit den Jahren an Elastizität verliert. Das ist ein natürlicher Alterungsprozess, der praktisch jeden Menschen ab Mitte vierzig betrifft und durch Übungen nicht aufgehalten wird.

Mythos 14: Grauer Star lässt sich mit Tropfen oder Übungen auflösen

Fakt: Es gibt bislang keine Augentropfen, Übungen oder Nahrungsergänzungsmittel, die eine getrübte Linse wieder klar machen. Die wirksame Behandlung ist die Operation, bei der die Linse durch eine Kunstlinse ersetzt wird.

Kinder und Entwicklung

Mythos 15: Wenn man schielt, bleiben die Augen so stehen

Fakt: Die Augen bleiben nicht stecken, wenn man absichtlich schielt oder Grimassen schneidet. Die Augenmuskeln entspannen sich wieder, sobald man damit aufhört. Echtes Schielen bei Kindern hat andere Ursachen und sollte früh untersucht werden.

Mythos 16: Schielen wächst sich aus

Fakt: Bei Neugeborenen kann in den ersten Lebensmonaten ein gelegentliches Abweichen der Augen normal sein. Ein dauerhaftes oder nach etwa dem sechsten Lebensmonat noch auftretendes Schielen wächst sich aber nicht von allein aus. Unbehandelt kann sich eine Schwachsichtigkeit entwickeln, die nur in der Kindheit gut behandelbar ist.

Mythos 17: Kinder brauchen keine Augenuntersuchung, solange sie nicht klagen

Fakt: Kinder bemerken oft nicht, dass sie schlecht sehen, besonders wenn nur ein Auge betroffen ist – sie kennen es nicht anders. Deshalb empfehlen Fachgesellschaften Augenuntersuchungen im Kleinkindalter, auch ohne Beschwerden.

Mythos 18: Kurzsichtigkeit ist nur Vererbung

Fakt: Die Gene spielen eine Rolle, doch der weltweite starke Anstieg der Kurzsichtigkeit in wenigen Jahrzehnten lässt sich genetisch nicht erklären. Studien zeigen, dass mehr Zeit im Freien bei Kindern das Risiko senkt, kurzsichtig zu werden. Lesen Sie dazu Zeit im Freien als Schutz vor Kurzsichtigkeit.

Krankheiten und Alter

Mythos 19: Wer gut sieht, hat gesunde Augen

Fakt: Das Glaukom, frühe diabetische Netzhautveränderungen und manche Formen der Makuladegeneration verursachen lange keine bemerkbaren Beschwerden. Das Gehirn gleicht Gesichtsfeldausfälle geschickt aus. Wenn man selbst etwas merkt, ist der Schaden oft schon weit fortgeschritten. Deshalb sind regelmäßige Kontrollen ab 40 sinnvoll.

Mythos 20: Blindheit ist im Alter unvermeidlich

Fakt: Das Sehen verändert sich mit dem Alter, aber schwere Sehbehinderung ist kein Schicksal. Laut WHO wäre ein großer Teil der weltweiten Sehbeeinträchtigungen vermeidbar oder behandelbar, etwa durch Brillen, Kataraktoperationen und frühzeitige Behandlung von Glaukom und diabetischer Retinopathie.

Mythos 21: Ein Glaukom spürt man durch Augenschmerzen

Fakt: Die häufigste Form, das Offenwinkelglaukom, verläuft schmerzlos. Nur der seltenere akute Winkelblock verursacht starke Schmerzen. Ohne Messung und Untersuchung des Sehnervs bleibt ein Glaukom oft lange unentdeckt.

Mythos 22: Augenreiben ist harmlos

Fakt: Gelegentliches leichtes Reiben schadet nicht. Häufiges kräftiges Reiben, etwa bei Allergien, kann aber die Hornhaut schwächen und gilt als Risikofaktor für den Keratokonus. Bei juckenden Augen ist es besser, die Ursache zu behandeln und zu kühlen.

Mythen und Fakten auf einen Blick

MythosBewertungKurz erklärt
Karotten machen scharfe AugenTeilweise wahrNur bei Vitamin-A-Mangel relevant
Bildschirme machen blindFalschVorübergehende Beschwerden, kein Dauerschaden belegt
Brille schwächt die AugenFalschBrille verändert das Auge nicht
Unterkorrektur bremst KurzsichtigkeitFalschVolle Korrektur wird empfohlen
Übungen heilen KurzsichtigkeitFalschHilfreich für Komfort, nicht für die Augenlänge
Schielende Augen bleiben steckenFalschDie Muskeln entspannen sich wieder
Schielen wächst sich ausFalschFrüh behandeln, sonst droht Schwachsichtigkeit
Mehr Tageslicht schützt Kinder vor KurzsichtigkeitWahrDurch Studien gut belegt
Gute Sicht bedeutet gesunde AugenFalschViele Krankheiten verlaufen anfangs symptomlos

Woran Sie seriöse Informationen erkennen

  • Seriöse Quellen versprechen keine Heilung von Fehlsichtigkeit oder grauem Star durch Übungen, Tropfen oder Diäten.
  • Sie nennen nachvollziehbare Quellen wie Fachgesellschaften, Behörden oder große Studien.
  • Sie unterscheiden klar zwischen gut belegten Fakten und offenen Fragen.
  • Sie raten bei Warnzeichen zum Arztbesuch, statt davon abzuhalten.

Tipp: Wenn ein Produkt verspricht, Sie in wenigen Wochen von der Brille zu befreien, ist Skepsis angebracht. Fragen Sie Ihren Augenarzt, bevor Sie Geld für solche Programme ausgeben. Augenübungen für die Entspannung finden Sie bei uns – mit ehrlicher Einordnung, was sie leisten können und was nicht.

Wann Sie zum Augenarzt sollten

Warten Sie nicht ab bei: plötzlicher Sehverschlechterung, neuen Lichtblitzen, vielen dunklen Punkten oder einem Schatten im Gesichtsfeld, starken Augenschmerzen mit Rötung, Doppelbildern, Verletzungen oder Verätzungen. Lassen Sie außerdem Kinder bei Auffälligkeiten wie Schielen, Kopfschiefhaltung oder sehr nahem Heranrücken an Bücher untersuchen und gehen Sie ab 40 Jahren regelmäßig zur Kontrolle, bei Diabetes jährlich.

Was bei einer Untersuchung genau passiert, lesen Sie im Ratgeber Augenuntersuchung erklärt.

Häufig gestellte Fragen

Kann man Kurzsichtigkeit wegtrainieren?

Nein. Kurzsichtigkeit beruht meist auf einem zu langen Augapfel, und diese Länge verändert sich durch Übungen nicht. Augenübungen können aber Entspannung fördern und bei bestimmten Störungen des Zusammenspiels beider Augen unter Anleitung helfen.

Schaden Blaulichtfilter-Brillen?

Sie schaden in der Regel nicht, ein Nutzen zum Schutz der Augen ist aber nicht belegt. Wer abends schlecht einschläft, profitiert eher davon, Bildschirme früher auszuschalten. Gegen Bildschirmbeschwerden helfen Pausen, bewusstes Blinzeln und eine passende Brille.

Verschlechtern sich die Augen, wenn man die Brille nicht trägt?

Bei Erwachsenen verschlechtern sich die Werte dadurch nicht, man sieht nur unscharf und strengt sich mehr an. Bei Kindern kann das Weglassen einer nötigen Brille jedoch die Entwicklung des Sehens stören und zu Schwachsichtigkeit führen.

Hilft viel Karottensaft bei Nachtblindheit?

Nur wenn die Nachtblindheit auf einem Vitamin-A-Mangel beruht, was in Mitteleuropa selten ist. Andere Ursachen wie Kurzsichtigkeit, grauer Star oder erbliche Netzhauterkrankungen werden durch Karotten nicht gebessert. Lassen Sie neue Nachtsehprobleme ärztlich abklären.

Ist Lesen im Dunkeln schädlich für Kinder?

Es ist anstrengend, verursacht aber nach heutigem Wissen keinen bleibenden Schaden. Viel Naharbeit kombiniert mit wenig Tageslicht kann jedoch die Entwicklung von Kurzsichtigkeit begünstigen. Ausreichend Zeit im Freien ist daher wichtig.

Kann man durch Schielen-Grimassen ein Schielen bekommen?

Nein. Die Augen kehren in ihre normale Stellung zurück, sobald man aufhört. Ein echtes Schielen hat andere Ursachen, etwa eine Fehlsichtigkeit oder eine Störung der Augenmuskeln oder Nerven.

Quellen
  • American Academy of Ophthalmology – Eye Health Myths and Facts
  • American Academy of Ophthalmology – Blue Light from Digital Devices
  • National Eye Institute – AREDS/AREDS2 Clinical Trials
  • WHO – World report on vision (2019)
  • Cochrane Review – Blue-light filtering spectacle lenses for visual performance, sleep, and macular health (2023)
  • NHS – Myopia; Squint in children

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