Augengymnastik

Augengesundheit

Künstliche Tränen richtig auswählen: Ein Wegweiser durch die Apotheke

Das Regal mit Tränenersatzmitteln ist lang und verwirrend. Wir erklären die Unterschiede, wie oft Sie tropfen dürfen, wie das Eintropfen gelingt und wann der Augenarzt gefragt ist.

7 Min. Lesezeit Redaktion

Wer mit trockenen, brennenden Augen in die Apotheke geht, steht oft vor einem langen Regal: Tropfen in Fläschchen und Einzeldosen, Gele, Sprays, Salben, Produkte mit Hyaluronsäure, Lipiden oder Trehalose – und dazwischen Fläschchen, die „weiße Augen“ versprechen. Die Auswahl ist groß, und nicht jedes Produkt passt zu jedem Auge. Mit etwas Hintergrundwissen fällt die Entscheidung deutlich leichter.

Dieser Beitrag erklärt, welche Arten von künstlichen Tränen (Tränenersatzmitteln) es gibt, für welche Beschwerden sie sich eignen, wie oft Sie sie anwenden können, wie das Eintropfen richtig gelingt und warum Tropfen gegen rote Augen keine Lösung für trockene Augen sind.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei häufiger Anwendung und für Kontaktlinsenträger sind konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel die bessere Wahl.
  • Dünnflüssige Tropfen eignen sich für tagsüber, dickflüssigere Gele für länger anhaltende Wirkung, Salben vor allem für die Nacht.
  • Lipidhaltige Produkte können sinnvoll sein, wenn die Fettschicht des Tränenfilms gestört ist.
  • Gefäßverengende Tropfen gegen rote Augen behandeln keine Trockenheit und können bei Daueranwendung eine Gegenreaktion auslösen.
  • Brauchen Sie künstliche Tränen dauerhaft und sehr häufig, sollte die Ursache augenärztlich abgeklärt werden.

Wofür künstliche Tränen gedacht sind

Künstliche Tränen ergänzen oder ersetzen den natürlichen Tränenfilm, der die Augenoberfläche benetzt, schützt und für ein klares Bild sorgt. Sie werden vor allem beim Trockenen Auge eingesetzt, einer der häufigsten Augenbeschwerden überhaupt. Typische Auslöser sind Bildschirmarbeit, trockene Raumluft, Kontaktlinsen, das Älterwerden, hormonelle Veränderungen und bestimmte Medikamente. Ausführliche Informationen zu Ursachen und Behandlung finden Sie im Ratgeber zum Trockenen Auge.

Tränenersatzmittel behandeln in erster Linie die Beschwerden. Sie benetzen, verdünnen Reizstoffe und schützen die Hornhaut. Liegt eine Entzündung oder eine Funktionsstörung der Lidranddrüsen zugrunde, braucht es häufig zusätzliche Maßnahmen.

Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick

ProduktartEigenschaftenGeeignet fürNachteile
Dünnflüssige TropfenWässrig, sofort klare SichtLeichte Beschwerden, tagsüber, BildschirmarbeitKurze Wirkdauer, häufiges Nachtropfen nötig
Höherviskose TropfenEtwas zähflüssiger, z. B. mit Hyaluronsäure oder Cellulose-DerivatenMittlere BeschwerdenKurz leicht verschwommenes Sehen möglich
GeleDickflüssig, haften langeAusgeprägte Trockenheit, abendsVerschwommenes Sehen für einige Minuten
SalbenFetthaltig, sehr lang anhaltendNachts, bei unvollständigem LidschlussDeutliche Sichtbehinderung, daher meist nur zur Nacht
Lipidhaltige Tropfen und SpraysEnthalten Fette oder Öle, stabilisieren die äußere SchichtVerdunstungsbedingtes Trockenes Auge, Meibom-Drüsen-DysfunktionKurzes Schleiersehen, nicht alle Sprays sind für jeden geeignet

Konservierungsmittelfrei oder nicht?

Mehrdosenfläschchen enthielten früher fast immer Konservierungsmittel, damit sich nach dem Öffnen keine Keime vermehren. Das bekannteste ist Benzalkoniumchlorid. Bei gelegentlicher Anwendung ist das meist unproblematisch. Bei häufigem, langfristigem Gebrauch können Konservierungsmittel jedoch die Zellen der Augenoberfläche schädigen und die Beschwerden sogar verstärken.

Heute gibt es zahlreiche konservierungsmittelfreie Alternativen:

  • Einzeldosisbehälter (Ampullen): Jede Ampulle wird nach dem Öffnen verbraucht oder innerhalb kurzer Zeit verworfen.
  • Mehrdosenflaschen mit speziellem Ventil oder Filter: Sie verhindern das Eindringen von Keimen und sind nach Anbruch je nach Produkt mehrere Wochen bis Monate haltbar.

Faustregel: Wenn Sie mehr als etwa vier Mal täglich tropfen, dauerhaft tropfen, Kontaktlinsen tragen oder zusätzlich andere Augentropfen benötigen, greifen Sie zu konservierungsmittelfreien Produkten. Achten Sie auf Hinweise wie „ohne Konservierungsmittel“ auf der Packung.

Inhaltsstoffe verstehen

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, lohnt ein Blick auf die häufigsten Wirkstoffgruppen:

  • Hyaluronsäure (Natriumhyaluronat): Bindet viel Wasser und haftet gut an der Augenoberfläche. Eines der am häufigsten verwendeten Benetzungsmittel.
  • Cellulose-Derivate (z. B. Carmellose, Hypromellose): Erhöhen die Zähflüssigkeit und verlängern die Verweildauer.
  • Polyvinylalkohol, Povidon, Polyethylenglykol: Klassische Filmbildner.
  • Carbomere: Bilden Gele, die bei Lidschlag flüssiger werden und lange haften.
  • Lipide (z. B. Phospholipide, Rizinusöl, Paraffin): Ergänzen die äußere Fettschicht und bremsen die Verdunstung.
  • Trehalose, Ectoin, Dexpanthenol: Zusatzstoffe, die die Zellen der Augenoberfläche schützen oder die Regeneration unterstützen sollen.

Für die meisten Menschen ist es weniger wichtig, den „perfekten“ Inhaltsstoff zu finden, als ein gut verträgliches Produkt regelmäßig anzuwenden. Oft muss man zwei oder drei Präparate ausprobieren, um das passende zu finden. Mehr über Augentropfen allgemein erklärt der Ratgeber Augentropfen: Arten und richtige Anwendung.

Welches Produkt passt zu welchem Problem?

SituationSinnvolle Wahl
Gelegentlich trockene Augen am BildschirmDünnflüssige, konservierungsmittelfreie Tropfen
Trockenheit den ganzen Tag, Brennen gegen AbendHöherviskose Tropfen, abends eventuell ein Gel
Schnell verdunstender Tränenfilm, verstopfte LidranddrüsenLipidhaltige Tropfen oder Sprays, zusätzlich warme Kompressen
KontaktlinsenträgerKonservierungsmittelfreie Produkte, die ausdrücklich für Kontaktlinsen geeignet sind
Trockene Augen beim AufwachenGel oder Salbe vor dem Schlafen nach Rücksprache mit der Augenarztpraxis
Klimaanlage, FlugreisenEinzeldosen zum Mitnehmen, vorbeugend anwenden

Wenn Sie viel im Büro sitzen, lesen Sie auch den Beitrag über trockene Augen im klimatisierten Büro.

Wie oft darf man künstliche Tränen nehmen?

Konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel können in der Regel so oft wie nötig angewendet werden – bei manchen Menschen sind es zwei Anwendungen am Tag, bei anderen stündlich. Bei konservierten Produkten wird meist geraten, sie nicht öfter als etwa vier Mal täglich zu verwenden. Maßgeblich ist immer die Packungsbeilage.

Wichtig ist die Regelmäßigkeit: Wer nur tropft, wenn die Augen schon brennen, hinkt den Beschwerden hinterher. Bei bekanntem Trockenen Auge ist es oft wirksamer, nach einem festen Plan zu tropfen, etwa morgens, vormittags, mittags, nachmittags und abends, und die Anwendung bei Bedarf zu ergänzen.

Wenn Sie feststellen, dass Sie künstliche Tränen stündlich oder noch häufiger brauchen und trotzdem keine Besserung spüren, ist das ein Signal für einen Besuch in der Augenarztpraxis. Möglicherweise liegt eine Ursache vor, die gezielt behandelt werden sollte.

So tropfen Sie richtig

  1. Hände waschen und das Fläschchen oder die Ampulle bereitlegen.
  2. Kopf leicht nach hinten neigen oder sich hinlegen.
  3. Unterlid sanft nach unten ziehen, sodass eine kleine Tasche entsteht.
  4. Nach oben schauen und einen Tropfen in die Tasche geben. Die Spitze darf weder Auge noch Wimpern berühren.
  5. Augen sanft schließen und ein bis zwei Minuten geschlossen halten, ohne zu kneifen oder stark zu blinzeln. Ein leichter Druck auf den inneren Lidwinkel verhindert, dass die Flüssigkeit sofort über den Tränenkanal abfließt.
  6. Überschüssige Flüssigkeit mit einem sauberen Taschentuch abtupfen.
  7. Bei mehreren Präparaten mindestens etwa fünf Minuten Abstand halten; Gele und Salben zuletzt.

Tipp: Wenn Ihnen das Treffen schwerfällt, bewahren Sie Tropfen im Kühlschrank auf, sofern die Packungsbeilage das erlaubt. Den kühlen Tropfen spüren Sie deutlicher und wissen so, ob er im Auge gelandet ist. Für ältere Menschen und Menschen mit zittrigen Händen gibt es Eintropfhilfen in der Apotheke.

Vorsicht bei Tropfen gegen rote Augen

Tropfen, die „weiße Augen“ oder „schnell gegen Rötung“ versprechen, enthalten meist gefäßverengende Wirkstoffe wie Tetryzolin oder Naphazolin. Sie ziehen die kleinen Blutgefäße der Bindehaut zusammen, sodass das Auge kurzfristig weißer aussieht. Gegen Trockenheit helfen sie nicht.

Bei längerer Anwendung kann es zu einer Gegenreaktion kommen: Lässt die Wirkung nach, erweitern sich die Gefäße umso stärker, das Auge wird röter, und man tropft wieder. Man spricht von einem Rebound-Effekt. Außerdem können solche Tropfen die Ursache einer Rötung verschleiern, etwa eine Entzündung. Sie sollten daher nur kurzfristig und gelegentlich verwendet werden, und nicht bei Engwinkelglaukom oder bei Kindern ohne ärztliche Rücksprache. Mehr über mögliche Ursachen roter Augen lesen Sie im Beitrag Rotes Auge: harmlos oder ein Notfall?

Hygiene und Haltbarkeit

  • Tropfflaschen nach Anbruch nur so lange verwenden, wie auf der Packung angegeben, und das Anbruchsdatum notieren.
  • Einzeldosen nach dem Öffnen nicht tagelang aufbewahren, sondern nach Herstellerangabe verbrauchen.
  • Fläschchen nicht mit anderen Personen teilen.
  • Spitze nicht berühren und nicht mit Wasser abspülen.
  • Trübe, verfärbte oder abgelaufene Produkte entsorgen.

Besondere Situationen

Nach Augenoperationen

Nach einer Laserbehandlung zur Korrektur der Fehlsichtigkeit oder nach einer Operation des Grauen Stars sind trockene Augen häufig und meist vorübergehend. Oft empfiehlt die operierende Praxis für einige Wochen oder Monate konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel. Halten Sie sich an den dort erstellten Tropfplan, und verwenden Sie ohne Rücksprache keine zusätzlichen Präparate.

Kinder

Trockene Augen sind bei Kindern seltener. Reiben und Brennen haben hier häufiger andere Ursachen, etwa eine Allergie oder eine Bindehautentzündung. Bevor Sie Ihrem Kind regelmäßig Tropfen geben, lassen Sie die Ursache besser kinder- oder augenärztlich abklären.

Schwangerschaft und Stillzeit

Hormonelle Veränderungen können die Augen trockener machen. Einfache benetzende Tränenersatzmittel gelten im Allgemeinen als gut verträglich; fragen Sie im Zweifel in der Apotheke oder Arztpraxis nach, besonders bei Produkten mit zusätzlichen Wirkstoffen.

Was Sie zusätzlich tun können

Künstliche Tränen wirken am besten, wenn Sie gleichzeitig die Bedingungen verbessern, unter denen Ihre Augen austrocknen. Dazu gehören regelmäßige Bildschirmpausen, bewusstes vollständiges Blinzeln, ausreichend Luftfeuchtigkeit, das Vermeiden von Zugluft und Gebläse im Gesicht sowie eine Sonnenbrille bei Wind. Bei verstopften Lidranddrüsen helfen warme Kompressen und eine sanfte Lidrandmassage, die Fettschicht des Tränenfilms zu verbessern. Ob Omega-3-Fettsäuren helfen, wird unterschiedlich bewertet; die Studienlage dazu fasst der Beitrag Omega-3 und Augengesundheit zusammen.

Was künstliche Tränen nicht leisten

Tränenersatzmittel sind ein wichtiger Baustein, aber selten die alleinige Lösung bei ausgeprägten Beschwerden. Bei einer Lidrandentzündung braucht es zusätzlich Lidrandpflege mit Wärme und Reinigung. Bei einer entzündlichen Form des Trockenen Auges kann die Augenärztin oder der Augenarzt entzündungshemmende Augentropfen verordnen; welche Wirkstoffe und welche Dauer infrage kommen, wird individuell entschieden. Auch Umgebungsfaktoren, Bildschirmgewohnheiten und Medikamente sollten berücksichtigt werden.

Wann Sie zum Augenarzt sollten

Lassen Sie Ihre Augen untersuchen, wenn die Beschwerden trotz regelmäßiger Anwendung von Tränenersatzmitteln über mehrere Wochen anhalten, wenn Sie sehr häufig tropfen müssen, wenn die Lidränder gerötet, geschwollen oder verkrustet sind, wenn Sie zusätzlich unter trockenem Mund oder Gelenkbeschwerden leiden oder wenn Sie Kontaktlinsen nicht mehr vertragen.

Sofort ärztliche Hilfe benötigen Sie bei: starken Augenschmerzen, plötzlicher Sehverschlechterung, starker Lichtempfindlichkeit, einem stark geröteten Auge, insbesondere bei Kontaktlinsenträgern, eitrigem Ausfluss, einem weißen Fleck auf der Hornhaut oder nach Verletzungen und Verätzungen. Künstliche Tränen sind in diesen Fällen keine geeignete Behandlung.

Fazit

Das richtige Tränenersatzmittel hängt von Art und Stärke Ihrer Beschwerden ab. Für die meisten Menschen sind konservierungsmittelfreie Tropfen tagsüber eine gute Basis, ergänzt durch Gele oder Salben am Abend und lipidhaltige Produkte bei schnell verdunstendem Tränenfilm. Entscheidend sind regelmäßige Anwendung, die richtige Tropftechnik und eine gute Hygiene. Tropfen gegen rote Augen sind kein Ersatz. Und wenn die Beschwerden trotz allem bleiben, ist eine augenärztliche Untersuchung der nächste Schritt.

Häufig gestellte Fragen

Kann man von künstlichen Tränen abhängig werden?

Nein, konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel machen nicht abhängig und schwächen die eigene Tränenproduktion nicht. Anders ist es bei gefäßverengenden Tropfen gegen rote Augen, die bei Daueranwendung eine Gegenreaktion mit verstärkter Rötung auslösen können.

Was ist der Unterschied zwischen Tropfen und Gel?

Tropfen sind dünnflüssiger, beeinträchtigen die Sicht kaum und wirken kürzer. Gele haften länger auf dem Auge, verursachen aber nach dem Eintropfen für einige Minuten verschwommenes Sehen. Viele Menschen nutzen tagsüber Tropfen und abends ein Gel.

Darf ich künstliche Tränen mit Kontaktlinsen verwenden?

Viele konservierungsmittelfreie Produkte sind ausdrücklich für Kontaktlinsenträger geeignet. Achten Sie auf einen entsprechenden Hinweis auf der Packung. Salben und manche Gele sollten nicht mit Linsen verwendet werden.

Wie lange ist ein geöffnetes Fläschchen haltbar?

Das hängt vom Produkt ab. Klassische konservierte Fläschchen sind nach Anbruch meist einige Wochen haltbar, Systeme ohne Konservierungsmittel mit speziellem Ventil teils mehrere Monate. Die genaue Angabe finden Sie auf der Packung.

Helfen Tropfen gegen rote Augen auch gegen Trockenheit?

Nein. Sie verengen nur die Blutgefäße, damit das Auge weißer aussieht, behandeln aber nicht die Trockenheit. Bei längerer Anwendung kann die Rötung sogar zunehmen.

Warum sehe ich nach dem Tropfen kurz verschwommen?

Besonders dickflüssige Tropfen, Gele und Salben verteilen sich erst nach einigen Lidschlägen gleichmäßig. Das kurze Schleiersehen ist normal. Fahren Sie erst Auto, wenn die Sicht wieder klar ist.

Ab wann sollte ich zum Augenarzt?

Wenn die Beschwerden trotz regelmäßiger Anwendung über mehrere Wochen bestehen, Sie sehr häufig tropfen müssen oder Schmerzen, Sehverschlechterung oder starke Rötung auftreten. Dann sollte die Ursache untersucht und gezielt behandelt werden.

Quellen
  • TFOS DEWS II – Management and Therapy Report, The Ocular Surface 2017
  • American Academy of Ophthalmology – What Are Artificial Tears? (patient information)
  • Pucker AD et al. – Over the counter (OTC) artificial tear drops for dry eye syndrome, Cochrane Database of Systematic Reviews 2016
  • NHS – Dry eyes: treatment
  • Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) – Patienteninformation Trockenes Auge
  • Royal College of Ophthalmologists – Dry eye (patient information)

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