Medikamente und Augen: Welche Arzneimittel das Sehen beeinflussen
Viele gängige Medikamente können die Augen beeinflussen – von trockenen Augen bis zum akuten Glaukom. Ein Überblick über Risiken, Kontrollen und Warnzeichen.
Wenn ein neues Medikament verordnet wird, achten die meisten Menschen auf Magen, Kreislauf oder Müdigkeit. Dass ein Arzneimittel auch die Augen beeinflussen kann, ist weniger bekannt. Dabei ist das Auge ein stark durchblutetes, empfindliches Organ, in dem sich Wirkstoffe anreichern und auf Netzhaut, Linse, Tränenfilm oder Sehnerv wirken können. Die Bandbreite reicht von lästigen, aber harmlosen Effekten wie trockenen Augen bis zu seltenen, ernsten Komplikationen, die das Sehvermögen bedrohen.
Dieser Ratgeber stellt die wichtigsten Wirkstoffe und Wirkstoffgruppen vor, erklärt, worauf Sie achten sollten und wann Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll sind. Wichtig vorab: Setzen Sie niemals ein verordnetes Medikament eigenmächtig ab. Für fast jede der genannten Nebenwirkungen gilt, dass der Nutzen des Medikaments das Risiko meist überwiegt – entscheidend ist, die Nebenwirkung früh zu erkennen. Dosierungen und Therapieänderungen bespricht immer die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Das Wichtigste in Kürze
- Kortison in jeder Form kann den Augeninnendruck erhöhen und auf Dauer einen grauen Star fördern.
- Unter Hydroxychloroquin sind regelmäßige Netzhautuntersuchungen wichtig, um seltene, aber bleibende Schäden früh zu erkennen.
- Tamsulosin und ähnliche Prostatamittel können Kataraktoperationen erschweren – informieren Sie unbedingt Ihr Operationsteam.
- Topiramat kann in den ersten Behandlungswochen selten ein akutes Winkelblockglaukom auslösen; das ist ein Notfall.
- Antihistaminika, Isotretinoin und viele andere Mittel verursachen häufig trockene Augen.
- Nehmen Sie zu jeder Augenuntersuchung eine aktuelle Medikamentenliste mit.
Warum Medikamente auf die Augen wirken
Arzneimittel wirken selten nur dort, wo sie sollen. Über den Blutkreislauf erreichen sie auch Gewebe des Auges. Einige Wirkstoffe lagern sich in Pigmentzellen der Netzhaut ab, andere verändern den Tonus kleiner Muskeln in Iris und Ziliarkörper, wieder andere beeinflussen die Tränendrüsen oder die Linse. Auch Augentropfen können Wirkungen im ganzen Körper haben, etwa Betablocker-Tropfen auf Herz und Lunge. Welche Nebenwirkungen auftreten, hängt von Wirkstoff, Dosis, Dauer, Alter, Nierenfunktion und weiteren Erkrankungen ab.
| Wirkstoff oder Gruppe | Mögliche Wirkung am Auge | Was Sie tun können |
|---|---|---|
| Kortikosteroide (Kortison) | Erhöhter Augeninnendruck, grauer Star, Retinopathia centralis serosa | Bei längerer Anwendung Augeninnendruck kontrollieren lassen |
| Hydroxychloroquin, Chloroquin | Schädigung der Netzhaut (Makulopathie) | Basisuntersuchung und regelmäßige Netzhautkontrollen |
| Tamsulosin und andere Alpha-1-Blocker | Schlaffe Iris bei der Kataraktoperation (IFIS) | Vor jeder Augenoperation angeben |
| Antihistaminika, anticholinerge Mittel | Trockene Augen, selten Winkelblock | Tränenersatz; bei engem Kammerwinkel ärztlich abklären |
| Isotretinoin | Trockene Augen, Lidrandentzündung, schlechteres Dämmerungssehen | Tränenersatz, Linsen evtl. pausieren, Vorsicht beim Nachtfahren |
| Topiramat | Akutes beidseitiges Winkelblockglaukom, plötzliche Kurzsichtigkeit | Bei Sehstörung oder Augenschmerz sofort zum Arzt |
| Amiodaron | Hornhautablagerungen, selten Sehnervschädigung | Sehstörungen melden, Kontrollen nach Bedarf |
Kortikosteroide: Glaukom und grauer Star
Kortison gehört zu den wichtigsten Medikamenten der Medizin. Es wird bei Asthma, Rheuma, Autoimmunerkrankungen, Allergien, Hauterkrankungen und nach Transplantationen eingesetzt – als Tablette, Spritze, Inhalation, Nasenspray, Hautcreme oder Augentropfen. Für die Augen sind zwei Nebenwirkungen besonders relevant.
Steroidinduzierter Augeninnendruckanstieg
Bei einem Teil der Menschen, den sogenannten Steroid-Respondern, erhöht Kortison den Augeninnendruck. Am stärksten ist dieser Effekt bei Augentropfen und Injektionen ins oder ans Auge, er kann aber auch bei Tabletten, Inhalatoren und Cremes um die Augen auftreten. Bleibt der Druck unbemerkt hoch, kann der Sehnerv dauerhaft geschädigt werden – ein Steroidglaukom. Besonders gefährdet sind Menschen mit bestehendem Glaukom, Glaukom in der Familie, starker Kurzsichtigkeit oder Diabetes.
Grauer Star
Längere Kortisonbehandlung begünstigt eine bestimmte Form des grauen Stars, die hintere subkapsuläre Katarakt. Sie liegt nahe der Sehachse und verursacht früh Blendung und Probleme beim Lesen. Eine Katarakt lässt sich operativ gut behandeln.
Wenn Sie über mehrere Wochen Kortison einnehmen oder regelmäßig kortisonhaltige Augentropfen verwenden, fragen Sie nach einer Messung des Augeninnendrucks. Verwenden Sie Kortisontropfen nie ohne ärztliche Verordnung – mehr dazu im Ratgeber Augentropfen richtig anwenden.
Hydroxychloroquin: Netzhautvorsorge ist Pflicht
Hydroxychloroquin wird vor allem bei Lupus erythematodes, rheumatoider Arthritis und anderen entzündlichen Erkrankungen eingesetzt und ist für viele Betroffene unverzichtbar. Bei langjähriger Einnahme kann es sich in der Netzhaut anlagern und eine Makulopathie verursachen. Diese Schädigung ist selten, aber in der Regel nicht rückbildungsfähig und kann auch nach dem Absetzen noch fortschreiten. Deshalb ist Früherkennung entscheidend – bevor Betroffene selbst etwas bemerken.
Risikofaktoren
- hohe Tagesdosis im Verhältnis zum Körpergewicht
- lange Einnahmedauer, besonders mehr als fünf Jahre
- eingeschränkte Nierenfunktion
- gleichzeitige Einnahme von Tamoxifen
- vorbestehende Netzhaut- oder Makulaerkrankungen
Empfohlene Kontrollen
Fachgesellschaften wie die American Academy of Ophthalmology und das britische Royal College of Ophthalmologists empfehlen eine Ausgangsuntersuchung zu Beginn der Therapie und danach regelmäßige Netzhautuntersuchungen, in der Regel jährlich ab etwa fünf Jahren Einnahme, bei zusätzlichen Risikofaktoren früher. Moderne Verfahren wie die optische Kohärenztomografie (OCT), Gesichtsfeldprüfungen und Fundusautofluoreszenz erkennen Veränderungen, lange bevor das Sehen leidet. Das Amsler-Gitter eignet sich nicht als Ersatz, da es frühe Schäden nicht zuverlässig erfasst.
Tamsulosin und das Floppy-Iris-Syndrom
Tamsulosin und verwandte Alpha-1-Blocker werden häufig bei gutartiger Prostatavergrößerung verordnet, manchmal auch bei Nierensteinen. Sie entspannen nicht nur die Muskulatur in Prostata und Blasenhals, sondern auch den Muskel, der die Pupille erweitert. Bei einer Kataraktoperation kann das zu einem intraoperativen Floppy-Iris-Syndrom (IFIS) führen: Die Iris wird schlaff, flattert, die Pupille zieht sich zusammen. Das erschwert den Eingriff und kann das Risiko für Komplikationen erhöhen.
Wenn das Operationsteam Bescheid weiß, kann es sich mit speziellen Medikamenten und Instrumenten darauf einstellen, sodass Operationen in aller Regel gut verlaufen. Der Effekt kann auch Jahre nach dem Absetzen bestehen bleiben – deshalb sollten Sie Tamsulosin auch dann angeben, wenn Sie es früher einmal genommen haben. Ein vorheriges Absetzen auf eigene Faust bringt keine verlässliche Sicherheit. Was rund um die Operation sonst wichtig ist, erklärt der Beitrag Kataraktoperation: was Sie erwartet.
Antihistaminika und andere Mittel, die die Augen austrocknen
Antihistaminika gegen Heuschnupfen, besonders ältere Wirkstoffe, verringern die Tränenproduktion. Ähnlich wirken viele Medikamente mit anticholinerger Wirkung. Dazu zählen unter anderem:
- einige Antidepressiva, vor allem ältere trizyklische Präparate
- Mittel gegen Blasenschwäche (Anticholinergika)
- einige Schlaf- und Beruhigungsmittel
- Mittel gegen Parkinson
- harntreibende Medikamente (Diuretika) und manche Betablocker
- hormonelle Präparate
Die Folge sind brennende, sandige, gerötete Augen und schwankende Sicht, besonders bei Bildschirmarbeit. Tränenersatzmittel ohne Konservierungsmittel helfen meist. Hintergründe erklärt der Ratgeber Trockene Augen.
Anticholinerge Medikamente und einige Antihistaminika können die Pupille leicht erweitern. Bei Menschen mit anatomisch engem Kammerwinkel kann das sehr selten einen akuten Winkelblock auslösen. Wer weiß, dass er einen engen Kammerwinkel hat, sollte das bei jeder neuen Verordnung erwähnen.
Isotretinoin: Aknetherapie mit Augeneffekten
Isotretinoin ist ein sehr wirksames Medikament gegen schwere Akne. Es verkleinert die Talgdrüsen der Haut – und auch die Meibom-Drüsen am Lidrand, die die Fettschicht des Tränenfilms bilden. Häufige Folgen sind:
- trockene, gereizte Augen und Lidrandentzündung (Blepharitis)
- Unverträglichkeit von Kontaktlinsen
- gelegentlich Bindehautentzündung
- verschlechtertes Sehen in der Dämmerung und bei Nacht, das in seltenen Fällen auch nach Therapieende bestehen bleiben kann
Hilfreich sind konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel, Lidrandpflege mit warmen Kompressen und gegebenenfalls eine Pause beim Kontaktlinsentragen. Wer nachts Auto fährt und eine Verschlechterung bemerkt, sollte besonders vorsichtig sein und dies ärztlich ansprechen. Isotretinoin ist bekanntermaßen auch in der Schwangerschaft streng kontraindiziert; darauf achtet die verordnende Praxis.
Topiramat: Achtung, akutes Winkelblockglaukom
Topiramat wird bei Epilepsie, zur Migräneprophylaxe und gelegentlich zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Eine seltene, aber gefährliche Nebenwirkung ist ein beidseitiges akutes Winkelblockglaukom. Dabei schwillt der Ziliarkörper an, Linse und Iris werden nach vorne geschoben, und der Abfluss des Kammerwassers wird blockiert. Typisch ist ein Auftreten in den ersten Wochen nach Beginn oder nach einer Dosiserhöhung.
Warnzeichen
- plötzlich verschwommenes Sehen in die Ferne, oft an beiden Augen (akute Kurzsichtigkeit)
- Augenschmerzen, Kopfschmerzen, gerötete Augen
- Übelkeit und Erbrechen
- Regenbogenringe um Lichtquellen
Dieser Zustand ist ein Notfall. Anders als beim klassischen Winkelblockglaukom hilft hier meist keine Laserbehandlung der Iris; entscheidend sind das ärztlich begleitete Absetzen des Medikaments und eine drucksenkende Behandlung. Ähnliche Reaktionen sind auch bei anderen sulfonamidhaltigen Medikamenten beschrieben.
Amiodaron: Ablagerungen in der Hornhaut
Amiodaron ist ein Medikament gegen Herzrhythmusstörungen. Bei fast allen Menschen, die es über längere Zeit einnehmen, bilden sich feine, wirbelförmige Ablagerungen in der Hornhaut (Cornea verticillata). Diese sind meist harmlos und beeinträchtigen das Sehen kaum; manche Betroffene bemerken Halos oder Blendung um Lichter. Sehr selten kann Amiodaron eine Schädigung des Sehnervs (Optikusneuropathie) verursachen, die sich durch Sehverschlechterung und Gesichtsfeldausfälle bemerkbar macht. Jede neue Sehstörung unter Amiodaron sollte deshalb zeitnah augenärztlich untersucht werden.
Weitere Medikamente mit Augenwirkungen
Die Liste der Arzneimittel mit möglichen Augennebenwirkungen ist lang. Einige weitere Beispiele, die in der Praxis immer wieder eine Rolle spielen:
- Ethambutol (Tuberkulosemittel): kann den Sehnerv schädigen; Farbsehen und Sehschärfe werden kontrolliert.
- PDE-5-Hemmer wie Sildenafil: vorübergehender Blau- oder Farbstich, erhöhte Lichtempfindlichkeit.
- Bisphosphonate (gegen Osteoporose): selten Entzündungen wie Uveitis oder Skleritis.
- Vigabatrin (Antiepileptikum): kann dauerhafte Gesichtsfeldeinschränkungen verursachen; regelmäßige Kontrollen nötig.
- Tamoxifen: selten Netzhautablagerungen und Katarakt.
- Bestimmte Krebsmedikamente: unterschiedliche Augenwirkungen, die meist von der Onkologie mit der Augenheilkunde abgestimmt werden.
So schützen Sie Ihre Augen bei Dauermedikation
- Führen Sie eine aktuelle Medikamentenliste, inklusive Augentropfen, Sprays, Cremes und Nahrungsergänzungsmitteln.
- Fragen Sie bei neuen Verordnungen gezielt nach Augennebenwirkungen.
- Halten Sie empfohlene Kontrolltermine ein, etwa die Netzhautvorsorge unter Hydroxychloroquin.
- Informieren Sie vor jeder Augenoperation über alle aktuellen und früheren Medikamente.
- Achten Sie auf Veränderungen und testen Sie gelegentlich jedes Auge einzeln, indem Sie das andere abdecken.
- Setzen Sie nichts eigenmächtig ab – besprechen Sie Beschwerden mit der verordnenden Praxis.
Wie oft eine Augenuntersuchung grundsätzlich sinnvoll ist, erfahren Sie im Ratgeber Augenuntersuchungen.
Wann Sie sofort ärztliche Hilfe brauchen
Sofort zur Augenklinik oder Notruf 112 bei: plötzlichen Augenschmerzen mit Rötung, Kopfschmerz, Übelkeit und verschwommenem Sehen, besonders nach Beginn eines neuen Medikaments wie Topiramat; plötzlichem Sehverlust oder Gesichtsfeldausfall; neuen Doppelbildern; schweren allergischen Reaktionen mit Lidschwellung und Atemnot. Zeitnah – innerhalb weniger Tage – sollten Sie ärztlichen Rat suchen bei neu aufgetretenen Farbsehstörungen, verzerrtem Sehen, zunehmender Blendung oder anhaltend trockenen, schmerzenden Augen unter einer Medikation.
Häufig gestellte Fragen
Kann ein Kortison-Nasenspray den Augeninnendruck erhöhen?
Das ist möglich, aber deutlich seltener als bei Augentropfen. Wer ein Glaukom hat oder ein erhöhtes Risiko, sollte bei längerer Anwendung den Augeninnendruck kontrollieren lassen.
Wie oft muss ich unter Hydroxychloroquin zum Augenarzt?
Empfohlen werden eine Ausgangsuntersuchung zu Therapiebeginn und danach meist jährliche Kontrollen ab etwa fünf Jahren Einnahme, bei Risikofaktoren wie eingeschränkter Nierenfunktion früher. Den genauen Plan legt Ihre Augenärztin oder Ihr Augenarzt fest.
Muss ich Tamsulosin vor einer Kataraktoperation absetzen?
In der Regel nicht. Das Absetzen beseitigt das Risiko eines Floppy-Iris-Syndroms nicht zuverlässig. Wichtig ist, dass das Operationsteam Bescheid weiß und sich darauf einstellen kann.
Warum sehe ich unter Isotretinoin nachts schlechter?
Isotretinoin kann die Funktion der Netzhaut im Dämmerlicht beeinträchtigen. Das bildet sich meist nach Therapieende zurück. Bis dahin ist beim Nachtfahren besondere Vorsicht geboten; sprechen Sie die Beschwerden ärztlich an.
Ist Topiramat gefährlich für die Augen?
Für die meisten Menschen nicht. Selten kann es in den ersten Wochen ein akutes Winkelblockglaukom auslösen. Plötzlich verschwommenes Sehen mit Augenschmerzen ist dann ein Notfall.
Sind die Hornhautablagerungen durch Amiodaron schädlich?
Meist nicht. Sie treten bei fast allen Langzeitanwendern auf und stören das Sehen kaum. Sehr selten schädigt Amiodaron den Sehnerv, deshalb sollten neue Sehstörungen untersucht werden.
Was soll ich tun, wenn ich Nebenwirkungen an den Augen bemerke?
Wenden Sie sich an die verordnende Praxis oder Ihre Augenärztin bzw. Ihren Augenarzt. Setzen Sie das Medikament nicht eigenmächtig ab, außer bei einer schweren allergischen Reaktion – dann sofort Notruf 112.
Quellen
- American Academy of Ophthalmology – Recommendations on Screening for Chloroquine and Hydroxychloroquine Retinopathy (2016 Revision)
- Royal College of Ophthalmologists – Hydroxychloroquine and Chloroquine Retinopathy: Recommendations on Monitoring (2020)
- American Academy of Ophthalmology / ASCRS – Intraoperative Floppy Iris Syndrome and Alpha-1 Antagonists
- European Medicines Agency – Topiramate: product information (acute myopia and secondary angle-closure glaucoma)
- NHS – Steroids: side effects
- National Eye Institute – Glaucoma
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